"Person" in der Existenziellen Erziehung

Person

„Person“ ist „der existenzielle Kern des Menschen“, das, „was sich entscheiden, gegenüberstehen, distanzieren und auseinandersetzen kann.“ (Waibel 2011, S. 39) 

„Person“ ist nicht faktisch, sondern fakultativ. „Person“ ist das Freie im Menschen und nicht direkt sichtbar. Sie wird aber in ihren Handlungen deutlich. (vgl. Waibel 2011, S. 41)

„Als Person strebt der Mensch nach dem, was er als das Gute ansieht. Es ist das, wonach er Heimweh hat, das, worin er spürt, dass er zu Hause ist.“ (Waibel 2011, S. 39)

 

Grundpfeiler der Person:

In der Existenzanalyse werden die folgenden vier Grundpfeiler der Person genannt: Freiheit, Verantwortung, Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz.

 

Freiheit

In der Existenziellen Erziehung wird zwischen „Äusserer“ und „Innerer“ Freiheit unterschieden.

  • Äussere Freiheit: Bewegungsspielraum des Individuums nach aussen, bezogen auf gesellschaftliche und persönliche Rahmenbedingungen.
  • Innere Freiheit: Möglichkeit des Menschen, zu sich selbst Stellung zu nehmen und sich innerhalb der vorgegebenen Bedingungen zu verhalten. Für Frankl besteht diese (wesentliche) Freiheit gegenüber den Trieben, dem Erbe und der Umwelt.

Die menschliche Freiheit kann durch die folgenden Bedingungen eingeschränkt werden:

  • Äussere Bedingungen (Unterdrückende Staatsform, fehlender Raum für Eigenes in der Familie, Krankheiten, …)
  • Innere Bedingungen (Eigene Potenzialität, Wertklarheit, Selbstgestaltungskraft, mangelnder Glaube an sich selbst, Ängste, Sucht, u.a.m.)

 

Freiheit bedeutet in diesem Sinn, dass gegebene Situationen den Menschen nur bedingen, aber nicht bestimmen können. Der Mensch ist nicht frei von Bedingtheiten, sondern frei, sich gegenüber Bedingtheiten so oder so zu verhalten. Der Mensch ist also nicht frei von etwas, sondern gegenüber etwas.

 

Verantwortung

In der Existenziellen Erziehung bedeutet Verantwortung, eine persönliche Antwort auf eine Frage des Lebens zu geben und dafür einzustehen, das heisst, für sein Wollen und Handeln und dessen Folgen geradezustehen. Im existenzanalytischen Sinn kann Verantwortung nur für sich selbst übernommen werden, aber nicht für jemanden, der selbst dazu fähig wäre.

Echte Verantwortung setzt die Freiheit der Entscheidung voraus. Nur wenn ich mich (innerhalb der inneren und äusseren Bedingtheiten) für etwas entscheiden kann, wenn ich als Person angefragt werde und darauf antworte, kann ich Ver-Antwortung übernehmen.

 

Selbstdistanzierung

Selbstdistanzierung meint die Fähigkeit des Menschen, sich von sich selbst zu lösen, aus sich selbst herauszutreten und sich selbst gegenüberzutreten. Durch die Selbstdistanzierung erfährt sich der Mensch als jemand, der sich selbst nicht ausgeliefert ist. Er erlebt darin, dass er nicht festgelegt ist, sondern dass ihm das eigene Leben zur Verfügung gestellt ist (vgl. Waibel, 2011, S. 52).

Selbstdistanzierung lässt sich bewusst gestalten, indem der Mensch in konkreten Situationen innerlich „einen Schritt zurücktritt“, zeitlich und räumlich eine Distanz schafft und „von aussen“ die Situation und das Handeln der Beteiligten betrachtet. Wie werde ich in einigen Minuten/Stunden/Tagen auf diese Situation zurückschauen? Was wäre mir dann wichtig, dass ich getan oder unterlassen hätte?

Wege zur Selbstdistanzierung sind zum Beispiel das innere Zwiegespräch, das bewusste Reflektieren, das Lachen und der Humor.

 

Selbsttranszendenz

Selbsttranszendenz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, aus sich selbst auszutreten und sich auf die Welt einzulassen und Beziehungen zu Mensch, Natur und Umwelt einzugehen. Denn der Mensch kann sich nicht aus sich selbst entwickeln. Je mehr er sich jedoch selbst übersieht und vergisst, desto mehr kommt er sich näher. Selbsttranszendenz meint die Ausrichtung des Menschen auf etwas, das ihn anspricht, auf einen Wert, den er verwirklichen will.

Gleichzeitig wird in der Existenziellen Erziehung zwischen „Hingabe“ und „Hergabe“ unterschieden. Bei der Hergabe verliert der Mensch sich selbst als Person. Er wird funktionalisiert, instrumentiert und fremd bestimmt. Die Hingabe an jemanden andern oder eine Sache belebt den Bezug zur eigenen Person. Diese bleibt präsent und spürbar, von der Sache angetan und lebendig.

 

Begegnung

„Begegnung heisst zunächst, Respekt vor der Personalität des andern zu haben“ (Waibel 2011, S. 121). Begegnung wird also als Geschehen zwischen zwei Personen verstanden, welche sich ganz auf das Gegenüber einlassen und bereit sind, vorurteilslos den andern zu erfassen. Dies bedingt eine Haltung des Nicht-Wissens: Ich weiss nicht schon im Voraus, wer der andere ist und was er will. Ich akzeptiere ihn, wie er ist, resp. wie er sein könnte, in seiner Potenzialität. Eine solche personale Begegnung schaut also hinter die Rolle, das aktuelle Verhalten, die Form des Auftretens. Sie fokussiert sich auf die Würde und den Wert des Gegenübers.

Eine solche Begegnung verändert alle Beteiligten und stärkt sie in ihrer Existenz.

 

Phänomenologisches Verstehen

Um in einer personalen Begegnung einem Menschen einigermassen gerecht zu werden, eignet sich die Methode der Phänomenologie („Phänomen“ – das was sich zeigt). Dies bedeutet, dass ich ohne vorgefasste Meinung und ohne Vorurteile auf einen Menschen zugehe. Ich sehe, was ich sehe, ohne zu beurteilen und zu werten. „Mit der phänomenologischen Betrachtung bleibt der Mensch frei, keiner bemächtigt sich seiner“ (Waibel, 2011, S. 129).

 

Selbstgestaltung

„Du kannst dich selbst gestalten, indem du dich auf das einlässt, was für dich wesentlich ist.“ (Mihaly Csikszentmihalyi, 2013, S. 163)

Was vom bekannten Glücksforscher hier im Zusammenhang mit der Erfahrung von „Flow“ gesagt wird, macht deutlich, dass ein Leben, welches sich auf das für die Person Wesentliche ausrichtet, zu einem erfüllten und sinnvoelen Leben führt. Wenn ein Mensch personal Antwort gibt auf die an ihn gerichteten Anfragen seines Lebens, indem er sich an seinen personalen Werten orientiert und Entscheidungen trifft, nimmt sein Selbst (und sein Leben) Gestalt an. Die Selbstgestaltung geschieht also durch die Ausrichtung auf Werte und ist insofern ein „Nebenprodukt“ eines erfüllzen Lebens und nicht das Ziel.

 

Schlagwort: